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der deutschen Sprache    
Sigrid Saxens Rechtschreibdienst: Zum Namensgeber "ß"
Zum Namensgeber „ß“

1) Bezeichnungen und Aussprache
Dieser Buchstabe des jetzigen deutschen Abc wird „eszett“ ausgesprochen. Im Unterschied zum klingenden „stimmhaften“ s wie am Anfang von deutschen Wörtern ist die Aussprache des „ß“, sprachwissenschaftlich ausgedrückt, „stimmlos“ wie auch das einfache „s“ am Ende von deutschen Wörtern. Im Volksmund wird es auch „scharfes s“ genannt und im Schwabenland „Dreierles-s“, weil es wie eine Drei mit Stiel aussieht.

2) Herkunft
(In diesem Abschnitt besteht nach Hinweis eines Lesers Verbesserungsbedarf. Wer hilft dem ab?)
Dieser Buchstabe kommt in den Schriften, die sich von der lateinischen Schrift ableiten (diese Schrift wird verwendet in allen europäischen Sprachen außer Griechisch und Russisch), nur im Deutschen vor. Tatsächlich ist er kein ursprünglich lateinischer Buchstabe, sondern ein deutscher. Denn das Deutsche besaß wie das Griechische und Russische eine eigene Schrift, die in den 1930er Jahren durch die lateinische abgelöst wurde. Als Druckschrift heißt sie Fraktur (lateinisch für „Bruch“), die dazugehörigen Schreibschriften zum Beispiel Kurrent (lateinisch für „laufend“) und Sütterlin (benannt nach ihrem Erfinder).
In der deutschen Schrift wird unterschieden zwischen langem und rundem s; das runde steht und am Wort- und Wortteilende.
Wie die richtige Bezeichnung „sz“ noch ausdrückt, ist der Buchstabe tatsächlich eine Zusammensetzung von s und z, nur nicht in lateinischer, sondern in deutscher Schreibweise. Eine solche Zusammensetzung nennt man „Verbund“, als Fremdwort „Ligatur“,
und der erste Bestandteil ist das lange deutsche s. Es ähnelt dem handgeschriebenen f, weil es Ober- und Unterlänge besitzt, nur fehlt ihm der waagerechte Strich in der Mitte.
Der zweite Bestandteil ist das kleine deutsche z. Es ähnelt einer drei, nur daß der obere Teil spitz ist wie beim lateinischen z. Wie das kleine g hat das deutsche z eine Unterlänge, und in der Frakturschrift der Bücher kann man noch sehen, daß das z im ß gegenüber der heutigen Schreibung nach unten versetzt ist: Die Oberlänge des langen s steht allein, überragt das z, und beide enden unter der Hauptschreiblinie. In unserer heutigen Schrift ist dieses deutsche z nach oben versetzt, wodurch es oben am langen s beginnt und auf der Hauptschreiblinie endet.

3) als Erkennungszeichen
Das ß sticht noch stärker aus dem Schriftbild hervor als das genausogroße f. Dies begründet seinen Wert für das schnelle Erfassen eines Wortes. Die Schreibreform hat es stark zurückgedrängt: zugelassen nur noch nach langen (und Doppel-) Selbstlauten. Anhand der ß-Häufigkeit kann – in erster Näherung – schnell abgelesen werden, ob der Text in Reform- oder Rechtschreibung abgefaßt ist. So kamen die Bezeichnungen „Schibboleth“ und „Geßlerhut“ auf, Erstere für das ß zum schnellen Erkennen der Abweichler und Letztere für das Doppel-s, zu dessen Verwendung („Gruß“) man sich statt dessen erniedrigen soll, um „dazuzugehören“.
Aber aufgepaßt, es gibt Mischformen! Als Prüfleserin erhielt ich Aufträge von Verfassern, die auf das „ss“ bestanden; alles andere durfte nach den Rechtschreibregeln verbessert werden. Offenbar wollten sie nicht unangenehm auffallen. Daneben gibt es Zeitungen, die das ß nach der alten Regel verwenden, ansonsten aber auffällig viel nach den Reformregeln schreiben. Echte Rechtschreibung ist jedoch eine höhere Kunst, als nur die „alten“ ß-Regeln zu kennen!


Ludwig Reiners:
Von der Verfassung,
in der sich eine Sprache befindet, hängt es ab, was in ihr gedacht und gesagt wird.“ (in: Stilkunst – Ein Lehrbuch deutscher Prosa, Ersterscheinung 1961)

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